Die „richtige“ Visu finden

Wer KNX im Einsatz hat, wird sich früher oder später auch mit dem Thema „Visualisierung“ – oder kurz „Visu“ – beschäftigen.

Visualisierung meint dabei die Anzeige- und Steuermöglichkeit der Hausautomatisierung. Meist über ein touch-bedienbares Display.

quadclient

Dabei gibt es verschiedene Technologien zu beachten:

  1. Windows basiert
    Meist ein kleines Stück Software das sich mit einem Steuerungsserver verbindet und die Visualisierung eben auf Basis von Windows bereit stellt. Voraussetzung: Windows Betriebssystem auf einer x86/amd64-Hardware
  2. Web basiert
    Eine „Webseite“ die Daten in Echtzeit anzeigt und sich ebenfalls per Touch bedienen lässt. Voraussetzung: Neuer Browser und meist ein Steuerungsserver im Hintergrund
  3. APP basiert
    In den meisten Fällen eine Google Android APP die als Bedienschnittstelle dient. Entweder autark oder mit Steuerungsserver im Hintergrund.

Der 1. Fall kommt für mich eigentlich nicht in Frage. Windows-Kisten sind i.d.R. Ressourcenhungriger, weshalb der PC hinter dem Touch-Display größer und teurer ausfallen muss als eine Linux-Kiste. Des weiteren stehe ich mit Windows sowieso auf Kriegsfuß. Auch trägt die Windows-Lizenz ihren Teil zu den Anschaffungskosten bei. Und die regelmäßigen Updates nerven mich.

Der 2. Fall ist schon interessanter. Hier ergibt sich der Vorteil dass hinter dem Touch-Display ein minimalistischer Rechner, gerne auch mit Linux laufen kann. Die Anforderungen sind recht gering, und man hat den Vorteil dass man von jedem PC und Smartphone im Netzwerk darauf zugreifen kann, ohne groß etwas installieren oder einrichten zu müssen.

Der 3. Fall hat den Vorteil, dass hier eigentlich am wenigsten zu basteln ist. Als Touch-Display kann ein „Riesen-Android-Tablet“ zum Einsatz kommen. Die gibt es für verhältnismäßig wenig Geld fertig zu kaufen, sehen meist recht schick aus und man muss nur die APP installieren. Als „Vorteil“ hat man hier noch den Playstore/Appstore und die damit einfache Erweiterbarkeit des Systems um weitere Anwendungen (die dann ebenfalls prima auf dem Touch funktionieren). Die selbe APP kann man sich dann auch auf sein Smartphone installieren und kann so „mobil“ auf seine Hausautomation zugreifen. Lediglich der Desktop-PC schaut hier etwas in die Röhre…

Nun aber zu den konkreten Lösungsmöglichkeiten:

Die erste und gleichzeitig prominenteste: Der Gira Homeserver (bzw. Gira FacilityServer).

Das System besteht aus einem Server und dazugehöriger Software. Das ganze gibt’s zum Hammerpreis von rund 2000EUR. Kein Schnäppchen, aber dafür hat man die Eierlegende Wollmilchsau. Als Frontend kann man eine Windows-Software („Quadclient“), eine APP („Gira Homeserver APP“) oder ein selbst designbares Webinterface verwenden. Zur Einrichtung des Server bedarf es einer Software namens „Gira Experte“, welche kostenlos bei Gira herunterladen werden kann. Haken für Linux-Nutzer wie mich: Man braucht eine Windows-Kiste damit die Software läuft. Einmal eingerichtet, reicht dann die APP. Aber für jede Änderung am System muss der „Experte“ wieder herhalten.

Nachteile des ganzen Systems:

  • 2000EUR Anschaffungskosten
  • Die Doku ist für Selbermacher und Einsteiger miserabel. Hohe Lernkurve (aber machbar)
  • Man bindet sich an einen Hersteller. Nix mit „mal die Community nach einem Bugfix fragen“. Bugfixes durch den Hersteller sind möglich, brauchen aber immens Zeit.
  • Im Vergleich zu anderen Systemen höherer Stromverbrauch des Servers (der braucht nicht super viel, aber andere brauchen deutlich weniger)

Vorteile:

  • Die freie Wahl der Frontendtechnologie: Windows Anwendung, APP für iOS und Android, Webseite… Alles vorhanden.
  • Sehr große Nutzerbasis
  • Seit Beginn abwärtskompatibel zu früheren Homeserverprodukten
  • Damit lässt sich (fast) alles erschlagen –> Eierlegende Wollmilchsau

Als nächsten Kandidaten haben wir: OpenHAB

OpenHAB entstand aus dem Bedarf heraus ein System zu haben, das mit vielen (oder visionär gesprochen „allen“) System der Hausautomatisierung klar kommt. Es ist OpenSource und kann nicht nur mit KNX sprechen, sondern mit verdammt vielen anderen Systemen ebenso. Es ist eine Java „Serveranwendung“ und läuft somit auf Windows, Linux und Mac. Es bietet Visualisierung, Steuerung und vieles mehr.

Vorteile:

  • Open Source
  • Viele sogenannte Bindings, d.h. Schnittstellen zu weiteren Systemen. Mit jedem Release werden es mehr.
  • Eine große und immer noch wachsende Community
  • Freie Betriebssystemwahl (einzige Voraussetzung: Lava Laufzeitumgebung)
  • Visu als APP (Habdroid) und Webinterface (ClassicUI)

Nachteile:

  • Keine Klicki-Bunti-Software für den Anfänger: Viele Konfigurationsdateien
  • Keine zufriedenstellende, mitgelieferte Visu: Das ClassicUI ist gut und ausreichend für Smartphones. Für große Displays an der Wand aber unbrauchbar. „GreenT“ als UI wird offenbar nicht mehr weiterentwickelt und hat seine Macken. Die Anbindung an „CometVisu“ macht auf mich den Eindruck als wäre das nicht viel Benutzung und nicht super stabil.

Und als dritten Kandidaten: CometVisu

Ich bin ehrlich: Ganz so viel weiß ich zum Thema CometVisu nicht. Aber die Idee von OpenHAB als Backend und CometVisu als Frontend hat mir jedoch gefallen. Allerdings habe ich das Gefühl dass es hier ein wenig hapert:

Es gibt für OpenHAB ein AddOn das die OpenHAB Schnittstelle auf eine CometVisu-Schnittstelle umbiegt. Die CometVisu (Kurz: „CV“)  spricht also nach wie vor ihr CV-Protokoll, und das Addon in OpenHAB übersetzt es in OpenHAB.

Während OpenHAB bereits Websockets bietet, arbeitet die CV mit Long-Polling nach dem Comet-Prinzip. Irgendwas geht aber in Verbindung mit OpenHAB schief, so dass im ersten Test die CV sich ändernde Werte nicht Live aktualisiert. Auf Seite der CV bekomme ich hier offenbar wenig bis kein Support. Mit OpenHAB kennt man sich wenig bis gar nicht aus. Und auf Seite von OpenHAB muss man erstmal einen Verantwortlichen finden der da helfen kann. Ist auch nicht so einfach. Bleibt nur noch selbst im Source zu schauen. Aber will man das wenn man einfach nur ein funktionierendes System haben will?

Vorläufiges Resümee:

OpenHAB ist eine wirklich tolle Sache. Mit ein wenig Einarbeitung bekommt man schnell ein Erfolgserlebnis. Auf die Sache mit der Visu ist nicht ganz ausgereift. Schade.

Bei CometVisu ist man vermutlich gut aufgehoben wenn man den „CometVisu-Weg“ geht. Weicht man davon ab (CV+OpenHAB) steht man erstmal alleine da.

Mit dem Gira Homeserver kommt man mit einer ähnlichen Lernkurve wie bei OpenHAB ebenfalls zu einem Erfolgserlebnis. Aber auch hier ist das Rad nicht ganz rund: Je länger man damit arbeitet, desto häufiger merkt man, dass viele Köche am Gesamtprodukt beteiligt waren.

Vorläufiges Fazit:

Mein persönlicher Platz ist, trotz der ecken im eigentlich sonst runden Rad ist der Gira Homeserver. Es funktioniert einfach. OpenHAB funktioniert auch und ähnlich gut. Aber die Visu an sich ist hier das große Manko. Für’s erste werde ich weiter mit dem Homeserver arbeiten. Aber ich Wünsche mir für die Zukunft eine tolle Visu auf Basis von OpenHAB. Egal ob im Browser oder als APP.

Vielleicht stricke ich mir mein eigenes Webinterface auf die OpenHAB REST Schnittstelle. Die Basics (Werte abfragen, Updates per Websockets, …) habe ich schon mit einem Prototypen ausprobiert. Aber da ich mit Javascript nicht so firm bin und ich im HTML designen nicht so kreativ bin, habe ich doch bedenken so Dinge wie einen schicken Slider für einen Dimmer und Co. ansehnlich hin zu bekommen. Deshalb steht das ganz hinten auf meiner ToDo Liste.

 

 

25 Gedanken zu „Die „richtige“ Visu finden

    • Bis jetzt ist es noch die Gira Android APP zusammen mit dem Gira Homeserver. Mittlerweile hängt ein 21,5″ Android-Smart-Display an der Küchenwand auf dem die APP läuft.
      Aktuell bin ich dran eine eigene Logikengine zu basteln die dann um ein CometVisu-fähiges Backend erweitert werden soll. Damit habe ich langfristig vor die Gira APP abzulösen. Wird aber noch eine Weile dauern.

      • Hi!

        Schau dir bitte mal den Miniserver der Fa. Loxone an. Ist zwar ein neues Stück Hardware, allerdings erschlägst du die meisten deiner Probleme damit. (APPs, Web – Visu, usw..) Der Funktionsumfang ist im Vergleich zum Homeserver etwas eingeschränkt, allerdings für Projekte in deiner Größenordnung immer noch locker ausreichend. Ich habe bisher bei einigen EIB/KNX Installationen sehr erfolgreich damit den Homeserver abgelöst.

  1. Hallo,

    ich beschäftige mich auch gerade intensiv mit dem Thema. Da ich ausser KNX auch noch FS20, Homematic, Enocean und PEHA im Einsatz habe, benutze ich IP Symcon als Integrationsebene und IPS View als Visu. Man braucht allerdings Zeit sich in die Konzepte einzuarbeiten und eine WinDoof Rechner ist für das Administrieren auch vonnöten. Allerdings läuft der Symcon Server nun auch unter Linux (ich habe einen RPI2). Das Ganze kommt für recht schlanke 250 Lizenz + 50 Euro für den RPI2 nach Hause.

    Klaus

  2. Hi Alex,

    klingt spannend was du da so treibst mit KNX. Kannst du ein bißchen mehr über dein Android-Display berichten? Welcher Hersteller und läuft da nur die Android-App drauf? Welche Anschlüsse sind da notwendig?

    Gruß
    Frank

      • Hi,

        ich habe ein Xoro Megapad 2151 @ home und kann leider nichts gutes davon berichten. Langsam und mit 1GB Arbeitsspeicher ausgestattet völlig unterdimensioniert.

        Support = 0

        Screensaver geht entweder gar nicht oder aus der Stromsparfunktion lässt es sich nur noch per rückseitig angebrachten Knopf wecken.

        Gruß

        • Ja, „Highspeed“ ist anders. Aber für ne einfache Visu reichts. Verstehe nicht warum das Display mit 1GB RAM so langsam ist bzw. so viel RAM frisst. Andere 1GB RAM Android-Geräte die ich im Haushalt und sogar im Auto hab sind da mit gleicher Ausstattung flotter.

  3. Hallo,

    ich bin vor kurzem auf eine mir bislang noch unbekannte Visu gestossen: Confluentiabus. Die teste ich gerade und bin hier positiv überrascht. Neben den üblichen Sachen kann die auch 1wire Geräte anbinden – das habe ich aber noch nicht ausprobiert – und hier brauchst du auch nicht auf Windows gehen. Das läuft sogar auf einem Pi unter Linux.

    vg Peter

    • Hallo Peter,

      vielleicht schau ich mir mal die freie Version an. Aber 75 Datenpunkte klingt nicht sonderlich viel. Allein meine Heizungsüberwachung hat ja schon zwei Dutzend. Und da sind noch keine Raumtemperaturen oder Stellgrößen für die FBH-Ventile mit eingerechnet.

      Es würde bei mir dann auf die 299EUR Version hinaus laufen… Da kann ich dann auch die CometVisu nehmen. Die kostet nichts.
      Mal schauen, aktuell hab ich wichtigeres als die Visu um die Ohren 😉 Das Thema läuft mir ja nicht weg und auch ohne Visu ist das Haus voll funktionsbereit.

    • Aktueller Plan ist auf die SmartVISU zu setzen (http://www.smartvisu.de/). Jedoch mit einem eigenen Backend (ich mag das Python Backend nicht). Hier bin ich nach wie vor (neben so vielen anderen Projekten) am basteln und entwickeln (https://github.com/tuxedo0801/KnxAutomationDaemon).
      SmartVisu deshalb, weil es mehr auf eine Serverseitige implementierung setzt und nicht wie z.B. CometVisu alles in Java-Script auf dem „Client“ macht. Nur in meiner Variante dann halt mit eigenem Backend.

      Fakt ist jedoch: Gira kommt weg, was anderes muss her. Der Client ist – wenn man sich andere System anschaut – zu unflexibel und die Android APP ist seit dem letzten Update langsamer und instabiler geworden. Außerdem besteht der Wunsch das ganze auch direkt am PC (von einem beliebigen im Haus) mal schnell steuern/öffnen zu können.

  4. Hi und Guten Morgen,
    aber gibt es nicht bei Gira auch die CubeVision? Und ist da nichts Neues geplant?
    Für mich interessant wäre die Einbindung der Video-Türstation. Obwohl ich die Siedle Türkommunikation Video bevorzugen würde.
    Was ist mit IP-Symcon?
    Fragen über Fragen…
    lg

    • Cubevision ist doch von BAB Technologie und steckt im eibport?!

      Die Einbindung von Türstationen ist oftmals nicht ganz so easy. Ist bei uns im Haus auch kein wirkliches Thema.

      Zu IP-Symcon: Schau doch mal bei denen im Forum vorbei. Hab damit bis dato keinerlei Erfahrungen.

      Gruß
      Alex

    • Hab ich mir angeschaut und für „nicht gut genug für mich“ befunden. Hatte da auch schon eine kontroverse Diskussion mit dem Projekt-Initiator, die – so finde ich – recht ignorant verlaufen ist. Auch ist da der „Open Source“ Gedanke – so finde ich – nicht zu Ende gedacht/umgesetzt.

      Alles in allem: Bis dato ist die SmartVisu noch mein Favorit. Aber eben mit _meinem_ Backend, welches sich gerade in der Entwicklung befindet.

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